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„Baal“ am Residenztheater: Banausen bei Suhrkamp treten Kunstfreiheit mit Füßen

Kanzlei Lachenmann zu Datenschutz im WEG - VideoüberwachungSuhrkamp und Brecht Tochter Brecht-Schall versuchen, einen anarchischen Radaubruder gegen einen anarchischen Radaubruder zu verteidigen: Die Inszenierung des Brecht-Stücks „Baal“ in der Inszenierung von Frank Castorf darf nur noch 2 Mal in der derzeitigen Form gezeigt werden. Das ist das Ergebnis der mündlichen Verhandlung vor dem Landgericht München am Aschermittwoch (kurzweiliger und lesenswerter Bericht der Verhandlung bei Nachtkritik.de). Das Residenztheater verpflichtete sich, eine Unterlassungserklärung abzugeben – im Gegenzug gestattete der Suhrkamp-Verlag es großzügigerweise, das Stück noch einmal in München und einmal bei Theatertreffen in Berlin zu geben (Statement des Intendanten hier).

Die Baal-Inszenierung am Residenztheater beschränkt sich zweifellos nicht ein bloßes Sprechen der Texte Brechts. Stattdessen sind auch „Fremdtexte“ von Heiner Müller und dem „Originalgenie Rimbaud“ enthalten, denn: „Von dem hat Brecht ja das meiste geklaut.“ (so Castorf). Leider sieht § 64 UrhG vor, dass bis 70 Jahre nach dem Tod des Schöpfers das Urheberrecht fortbesteht und durch die Erben geltend gemacht werden kann. Das führt dazu, dass die Erben oft das zu verwaltende Erbe vergewaltigen anstatt die Kunstfreiheit und die Gedanken hinter den Werken des Künstlers zu schützen.

„Baal“ am Residenztheater: Warum die Banausen bei Suhrkamp das Erbe Brechts mit Füßen treten:

Dabei fehlen dem Suhrkamp-Verlag und der Brecht-Erbin wohl jedes Verständnis von Theater. Dies zeigt sich gut daran, dass der Suhrkamp-Verlag in seiner Stellungnahme schreibt „die Werkeinheit wird aufgelöst“. Dies ist schlichtweg Unsinn, da es keine Werkeinheit gibt – insbesondere nicht auf der Theaterbühne. Es ist Theater/Oper gerade immanent, dass das Kunstwerk nur im Zeitpunkt seiner Aufführung entsteht. Theater ist eine reine Kunstform des Moments, es ist flüchtig, es kann unmöglich wiederholt werden. Insofern hat „das Werk“ keine „Einheit“: Es mag ein Textbuch geben, aber dies ist nicht mehr als ein Ausgangspunkt für das neue Kunstwerk im Zeitpunkt der Aufführung. Insofern ist es unmöglich, im Theater das Textbuch aufzuführen – eine Interpretation ist dem immanent. Daher kann im Theater nicht sinnvoll das sklavische Kleben am Text angeknüpft werden.

Niemand wusste das besser als Bertolt Brecht: Dieser war es, der stets gefordert hat, man müsse die Stücke der Klassiker auf ihren Materialwert hin untersuchen. Das muss natürlich auch für seine Stücke gelten, da er inzwischen auch ein Klassiker ist. Suhrkamp und die Erben haben nun nichts anderes zu tun, als bei Brecht für dieselbe Vergipsung zu sorgen, die er bei den Klassikern beklagt hat.

So ist das ja oft bei den Kunstliebhabern: Sie lieben Baal, so lange er zwischen den Buchdeckeln bleibt oder gut geduscht und parfümiert im perfekt sitzenden Anzug auf die Bühne kommt. Aber was er repräsentiert, verachten und fürchten sie selbstverständlich. Wer das Werk Brechts nur ansatzweise kennt, für den ist bei Vorgehen Suhrkamps und den Brecht-Erben klar: Brecht dreht sich im Grabe rum. Diese Brecht-Erben sind ein großes Problem für das Theater und Brechts Erbe.

Hier noch ein Interview zur Frage, ob der Plagiator Brecht vom Urheberrecht geschützt werden muss.

Update 28.2.2015: Hier noch ein schönes Interview mit Castorf zum Baal.

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7 Kommentare

  1. Am 19. Februar 2015 um 14:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Stimme dem zu. Buch und Aufführung sind verschieden. Auch richtig: Materialwert untersuchen und ergänzen. Ist auch gängige Praxis. Sonst muss man eben sehen, dass man Aufführungen grundsätzlich untersagt.

    Wissen Sie, wie frei man da bei Musicals wäre. Ich fürchte nämlich, die machen genau davon Gebrauch. Also, wollen keine abweichende Lesarten bringen …

    Gleichwohl: Das Erbe wird hier doch nicht vergewaltigt. Die Frage ist eben schon, wie schwer man in so einen Text durch Zusätze und Inszenierungsideen eingreifen darf. Das Buch kann sich schließlich nicht wehren.

    Zum Beispiel, wenn ich es richtig erinnere, können Autoren und Verlage zum Beispiel eine „Vertonung“ zu einer Oper nicht zulassen. Das Material ist vielleicht dann doch nicht so frei. Man braucht da nicht nur die Rechte sondern die Erlaubnis (bin aber kein RA sondern nur Musiker/Journalist). Also zumindest die 70 Jahre post mortem muss man dann schon warten …

    Ihr Martin Hufner

    • Am 19. Februar 2015 um 14:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Es hat natürlich seinen Grund, dass das Resi eine Unterlassungserklärung unterschreiben musste – der Bericht von der Verhandlung auf Nachtkritik.de von Prof. Podszun beschreibt das ja treffend. Und er schildert zu gleich schön, wie es dem Gericht unangenehm war, die Rechtslage durchzusetzen.

      Aus rechtlicher Sicht dürfte die Sache ebenso klar sein („Veränderung“ geht nicht ohne Zustimmung) wie aus theaterphilosopischer Sicht. Meines Erachtens ist das ein gutes Beispiel dafür, weshalb das Urheberrecht reformiert werden sollte und freiere Bearbeitungen zugelassen werden müssten. Auch die 70-jährige Schutzfrist (die Cosima Wagner noch erfolglos durchsetzen wollte) ist zu lang.

      • Am 19. Februar 2015 um 15:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Verstehe. Aber wie sieht es aus der Sicht des Autoren aus? Wenn er lebt, bekommt er auch noch freiere Versionen mit, die ihm vielleicht unbehaglich sind. Erinnere mich an Becketts Warten auf Godot in den Niederlanden. Er versuchte damals, zu verhindern, dass die Hauptpersonen von Frauen gespielt wurden (finde ich lächerlich und ich glaube, er verlor). Aber da lebte er noch.

        Ich stimme zu, dass Kunst mit Kunst begegnet werden darf. Inszenierungen immer Veränderungen sind – schon rein kategorial vom Text zur Bühne. Gleichwohl wird es manchmal schwer sein zu entscheiden, ob es eine Bearbeitung oder eine „Reproduktion“ ist. Soweit zu 1.

        Zu 2: 70 Jahre! Ist eine reine Willkür-Frist. Die lässt sich nicht argumentativ erklären, deswegen kann man darüber auch so schlecht diskutieren. Ich finde die auch viel zu lang. Aber, was willste machen?

        Ich hatte das mal bei zwei Stücken von 19hundertfürchterlich vor Zeiten dargestellt. Beide im gleichen Jahr geschrieben. Das eine geschützt, das andere nicht mehr. Was ist mit denen, deren Leben beendet wurde – den ganzen im Dritten Reich ermordeten Künstlern? Deren Erben werden um ihre Einnahmen gebracht … etc. Es gibt so viele wunde Stellen mit dieser Jahresfrist.

        Herzlich
        Ihr Martin Hufner

        • Am 19. Februar 2015 um 15:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Da bin ich ganz bei Ihnen. Natürlich gibt es viele Künstler, die eine sehr genaue Vorstellung ihrer Werke haben und gegenüber Aufführungen sehr engstirnig sind. Andererseits gibt es Autoren wie Heiner Müller, der selbst mehrfach explizit gesagt hat, dass er seine Texte dem Theater übergibt und nicht drauf Einfluss nehmen will, was das Theater damit macht.

          Die Unterscheidung zwischen Bearbeitung und Reproduktion halte ich weder juristisch noch sprachlich für zielführend. Denn die Reproduktion des Werkes ist unmöglich. Selbst eine öffentliche Lesung ist ja vom Vorlesenden und Zuhörer abhängig. Selbst beim bloßen Lesen des Texts gibt es kein festes Werk, sondern das Werk entsteht durch die Rezeption des Lesers und diese ändert sich ständig mit der Zeit, mit dessen Wissen, dessen Stimmung usw. So kann jede Wertung über die Qualität der Aufführung dem Werk nicht gerecht werden.

          Ein Recht auf »werktreue« Aufführung kann es entgegen dem UrhG eigentlich nicht geben. Denn ein Theatertext wird ja zu dem Zweck geschrieben, dass er im Theater verwendet wird, und das bedeutet zwangsläufig, dass er verändert wird, eben weil das Theater keine Textreproduktionsmaschine ist. Es wäre Aufgabe des Gesetzes, die Kunstfreiheit weitergehend zu gewährleisten – stattdessen zielt das UrhG darauf, den Künstlern möglichst viele Rechte einzuräumen (oder – wie im Falle der Schutzfrist – den Verwertern/Erben).

          • Am 19. Februar 2015 um 17:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

            Stimme zu und nehme meinen Einwand zurück. Gleichwohl: Was mich ärgert, hier stehen Künstler Künstler gegenüber (und dazwischen das Recht und die Erben).

      • Am 19. Februar 2015 um 15:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Nur als Ergänzung hier der Fall aus Wilhelmshaven, den die taz schön dokumentiert hat.
        http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2004/01/24/a0136